Raum & Zeit
Tonga als Forschungsraum
Die Debatte über die endgültigen oder biologischen Ursprünge der Polynesier geht auf das späte 18. Jahrhundert zurück. Zu der Zeit wurden in Wortlisten, die während europäischer Reisen in den Indischen und Pazifischen Ozean gesammelt wurden, Ähnlichkeiten zwischen Inselpopulationen gefunden, die durch große Entfernungen getrennt waren. Die Menschen, die in dem Gebiet lebten, das wir heute das ‚Polynesische Dreieck‘ nennen (Neuseeland / Aotearoa im Süden, Hawai'i im Norden und Rapa Nui / Osterinsel Im Osten), sprechen eng verwandte Sprachen. Bemerkenswert ist, dass die polynesischen Sprachen enger mit Sprachen verwandt sind, die in Madagaskar und Indonesien gesprochen werden, als die räumlich wesentlich näheren "melanesischen" Sprachen im Westpazifik.
Es ist bis heute ein wichtiger Diskurs wie die Entwicklung der frühesten Menschen im Pazifik mit der Lapita Kultur verbunden sind. Es gibt drei Hypothesen, die die Ursprünge von Lapita erklären, die vor 2850 Jahren BP in Tonga nachgewiesen worden ist: 1) Die Lapita Menschen kamen von den Inseln Südostasiens und waren Teil einer viel größeren austronesischen Migration; 2) Lapita repräsentiert die biologische und kulturelle Verschmelzung von Migranten von den Inseln Südostasiens mit indigenen Melanesiern, und 3) Die Lapita-Expansion war nicht homogen und die kolonisierenden Gruppen variierten je nach Zusammensetzung des Migrationsstroms zu verschiedenen Zeiten und Orten und dem Grad von Isolation und Bevölkerungs-bottlenecks.
Jüngste Fortschritte bei der Analyse von aDNA aus menschlichem Knochen, haben zu dieser Debatte beigetragen, indem sie die ersten genetischen Sequenzen für ein Lapita in Vanuatu und Tonga lieferten. Diese Forschung haben gezeigt, dass Individuen aus beiden Gruppen ostasiatische Vorfahren haben und eine Bevölkerung repräsentieren, die so heute nicht mehr existiert. Die aDNA zeigt auch, dass Menschen aus Melanesien Tonga erreichten und dass die Populationsgenetik in Westpolynesien nach der Lapita-Kolonisation nicht statisch blieb. Diese Untersuchungen beruhen leider nur auf sehr kleinen Sammlungen, da es derzeit nur drei Begräbnisstätten im Pazifik mit Überresten von mehr als 40 Individuen gibt, die in die entscheidende Periode von vor 3000 bis 2500 Jahren datieren; Chelechol ra Orrak in Palau, Teouma in Vanuatu und Talasiu in Tonga.
Die zweite Frage nach den polynesischen Ursprüngen betrifft die kulturelle Bildung erkennbarer "polynesischer" Verhaltensweisen und Überzeugungen. Es wird vermutet, dass die polynesische Ethnogenese vor 2650 bis 2350 Jahren in Tonga und Samoa (plus Futuna und 'Uvea) begann, als dekorierte Lapita-Keramik von undekorierten polynesischen Plainwares abgelöst wurde. Diese Ereignisse signalisieren die Entstehung der Ancestral Polynesian Society (APS) in Tonga und Samoa und die Fusion von biologischen und kulturellen Merkmalen, die später durch Wanderungsbewegung nach Ostpolynesien und westwärts zu den polynesischen ‚Outliers‘ verbreitet wurde.
Die Ancestral Polynesian Society wurde wiederum unter Verwendung historischer Linguistik rekonstruiert. Das war das Resultat von fehlenden archäologischen Kenntnissen für die Glaubens- und Politischen Systeme, den verwendeten Transportmittels, sowie die Bestattungsritualen. Kulturelle Merkmale und soziale Organisation, die als typisch "polynesisch" angesehen werden, sind meist ethnographisch aufgezeichnet worden und durch das Proto-Polynesisch rekonstruiert. Sie umfassen Tätowierungen, eine hierarchische Gesellschaft und abstrakte Konzepte wie ‚Mana‘ (übernatürliche Kraft), ‚Tapu‘ (rituelle Abgrenzung) und ‚Noa‘ (üblich, gewöhnlich), die für die polynesische Kultur von grundlegender Bedeutung sind. Zum Beispiel ist ein weit verbreitetes ‚Tapu‘ in polynesischen und tongaischen Ethnographien - die räumliche Assoziation von menschlichen Überresten mit Lebensmittelkonsum und Lebensmittelresten - in Talasiu nicht zu erkennen. Das Vorhandensein von Bestattungen in Talasiu zeigt zum ersten Mal, dass zumindest einige Muschaelhaufen-Standorte mehr waren als nur Orte, an denen Muscheln konsumiert und weggeworfen wurden. Das deutet darauf hin, dass die soziale Bedeutung und der materielle Ausdruck von ‚Tapu‘ in der Ancient Polynesian Society sehr unterschiedlich waren.
Ebenso unklar sind jedoch die Auswirkungen eines Rückgangs des Meeresspiegels um 1,8 m auf eine menschliche Bevölkerung, die große Mengen an Schalentieren und andere Meeresnahrung gesammelt und konsumiert hat. Der Rückgang des Meeresspiegels um ~ 1,8 m über mehrere Jahrhunderte hatte das Potenzial, die Produktivität der Küstenmeereszonen zu verringern, die von frühen prähistorischen Menschen stark für den Lebensunterhalt genutzt wurden. Als die Menschen auf Tongatapu ankamen, unterstützten die reichen und leicht zugänglichen Wasserressourcen ein halb-kontinuierliches Band von Küstensiedlungen über eine Länge von 50 km. Deshalb ist Tonga die passendste Inselgruppe diese Unklarheiten durch detaillierte archäologische Studien zu untersuchen.
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